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21. August — 11. November 2018

Tim Tetzner - If the Eyes Can’t Touch (Blurred Modernism)

Tim Tetzner

If the Eyes can’t touch (Blurred Modernism) ist ein Exkurs in die Ökonomisierung des Sehens in der Gegenwart digitaler Bilderwelten und spannt einen Bogen von der Repräsentationspflicht historischer Architekturpositionen hin zum Bösen Blick der klassischen Antike.

When the real world is transformed into an image and images become real, the practical power of humans is separated from itself and presented as a world unto itself. In the figure of this world separated and organized by the media, in which the forms of the State and the economy are interwoven, the mercantile economy attains the status of absolute and irresponsible sovereignty over all social life.

Giorgio Agamben - The Coming Community

Als Paul Virilio 2009 in einem Interview mit Raymond Depardon, Google Earth als “Ende der Welt” bezeichnete, monierte er damit den Verlust von Distanz, Umfang und Dimensionierbarkeit der Welt als (menschliche) Wahrnemungsqualität. Ob Virilio mit den Reaktionen in Deutschland auf Google Street View zur gleichen Zeit vertraut gewesen ist, ist nicht bekannt. Denn gerade in Deutschland stieß Googles Kartendienst bei Einführung im Juli 2010 auf einen Widerstand ungeahnten Ausmaßes. Datenschützer liefen Sturm und auf Druck der Öffentlichkeit richtete Google die Möglichkeit ein, über ein Nachweisprotokoll sein Wohnhaus verpixeln zu lassen. Innerhalb weniger Wochen gingen knapp eine viertel Million Anträge bei Google ein und stellten den Konzern nicht nur vor eine logistische Herausforderung. Um einen größeren Marketingschaden abzuwehren, stellte Google die Weiterentwicklung Street Views in Deutschland bis auf weiteres ein.3 Und seitdem ist die deutsche Street View Landschaft nicht mehr aktualisiert worden – und liegt dar wie konserviert in einer Zeitblase.

Doch wie bewegt man sich durch einen öffentlichen Raum, der geisterhaft verblurrt ist? Welches Nachleben wird die verflüssigte Architektur des Blurs führen, wenn die eigentliche Architektur schon längst nicht mehr existiert? Was verbirgt die Panoramafreiheit vor unserem Auge? Sind die blur buildings4 autonome Ort jenseits psychotopologischer Logik? Die neuen terra incognitas? Oder sind es einfach nur Nonplaces, die den öffentlichen Raum verschlingen werden?

Doch begreift man Googles Blur als eine unmittelbare Intervention des Virtuellen in den realen Raum, dann verliert Virilios Anmerkung schnell ihre metaphorische Mehrdeutigkeit. Denn Google als Treiber globaler Beschleunigungsprozesse, der stets an informationstechnologischer Deutungshoheit und machtontologischer Neustrukturierung interessiert ist, weitet sich schon seit langem immersiv in alle Lebensbereiche aus. Ob jedoch Googles digitale Präsenz sich – in der Zukuft – auch auf real gebaute Architektur auswirken wird, kann zur Zeit nur spekulativ ergründet werden – und erfordert aber eventuell genau deswegen eine genauere Betrachtung.

If the Eyes can’t touch (Blurred Modernism) geht zurück an die Anfänge modernistischer Architektur und dessen Idee von gebauter Transparenz. Dass selbst im Bauhaus die Verwendung transparenter Strukturen intern umstritten war, belegt Walter Gropius’ Disput mit Lyonel Feiniger von 1926, als dieser beim Bezug des für ihn von Gropius entworfenen Meisterhauses einen Teil der Glasfassade durch opakes Milchglas ersetzen ließ.5 Zwar sollte sich die von Gropius beim Bauhaus Dessau angewandte Vorhangfassade bald international durchsetzen, doch das Spannungsverhältnis von ästhetischem Paradigma und Privatheit wurde dadurch nicht gelöst. Und auch die versatile Aura angewandter Sozialutopie vermochte den allesdurchdringenden Blick von Außen, den Gaze nicht abzuwehren.

Grundlage für dieses Projekt ist eine Recherche auf Google Street View zu modernistischer Architektur zwischen 1920 und 1932. Um die 80 Beispiele zeitgeschichtlich relevanter Bauwerke mit verblurrter Fassade fanden so den Weg ins Archiv. Von namhaften Architekten wie Mies van der Rohe, Hans Scharoun und Bruno Taut hin zu weniger bekannten Namen wie Hans Sigmund Jaretzki oder Alfred Wiener. Von den Siedlungen des Neuen Bauens bis hin zur großbürgerlichen Industriellenvilla. Auch das von Hans Scharoun entworfene Zentralgebäude der Großsiedlung Siemensstadt, der Panzerkreuzer am Jungfernheideweg 8 (direkt gegenüber dem Ausstellungsraum Scharaun) wurde durch die Verblurrung dem Auge der Öffentlichkeit entzogen und fristet seitdem ein Dasein in der Zwischenwelt.

Tim Tetzner, August 2018

Metalog über das Verblurren