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13. September — 13. Oktober 2019

Scharaun presents Tim Tetzner at Re-Space | Kunstpunkt Berlin

Tim Tetzner

Scharaun presents Tim Tetzners contribution to
Re-Space - Take Back the Space

Vernissage: 12.9.2019, 7 pm
Performance: Sergey Kasich [Singuhr]

Exhibition: 13.9.-13.10.2019

Opening hours:
13.-15.9.2019, 1-7 pm
19.9.-13.10.2019, Thur-Sun 3-7 pm

Kunstpunkt Berlin, Schlegelstrasse 6, 10115 Berlin

Künstler: Tim Tetzner
Titel: Sky Gate, New Work
Format: 100 x 70 cm
Materialien: Zeitungsausschnitt, Acrylglas, Mdf Platte

Sky Gate, New Work basiert auf einer Skulptur Louise Nevelsons, die beim Einsturz des World Trade Centers 2001 zerstört wurde, sowie auf dem Grundriß der Wohnung Hans Scharouns im Jungerfernheideweg 4 in Berlin-Siemensstadt, welche aktuell den Projektraum Scharaun beheimatet.

Mitte der 1970er Jahre beauftragt Saul Wenegrat, der Direktor des Kunstprogramms des Port Authority of New York and New Jersey, die New Yoker Bildhauerin Louise Nevelson mit einer Skulptur für den Außen- bereich des World Trade Centers. Am 12. Dezember 1978 wird Sky Gate, New York eingeweiht – ein großformatiges mattschwarzes Wandrelief gegenüber vom Austin J. Tobin Plaza.

Saul Wenegrat berichtet, dass Nevelson ihre Inspiration zu Sky Gate, New York bei einem Anflug von Washington D.C. auf New York City und beim Anblick dessen Skyline gehabt habe. Beim Einsturz des World Trade Centers am 9. November 2001 wird Nevelsons Arbeit komplett zerstört – und auch nicht wieder rekon- struiert.
Mit dem Verschwinden von Sky Gate, New York, scheint auch ein Großteil der Erinnerung verschwunden. Das Bildmaterial, welches von der Arbeit existiert, ist mit circa zehn Fotos überschaubar. Weder im Archiv der Pace Gallery (die Nevelson nachwievor vertritt) noch in Louise Nevelsons Nachlass gibt es eine aus- führliche Dokumentation von ihrer bis dato größten Arbeit.

Für Sky Gate, New Work rekonstruiert Tim Tetzner das Wandrelief Louise Nelsons im Maßstab 1:15 und setzt dieses in ein 1:15 Modell des Projektraumes Scharaun. Dessen Grundmaße von 940 x 960 cm sind in der Breite nahezu identisch mit dem Grundmaß von Nevelsons Arbeit (520 x 980 cm). Während die räumliche Verschachtelung von Nevelsons Wandarbeit wiederrum reziprok den Grundriß der Scharoun- Wohnung assoziiert.

In dieser Gegenüberstellung trifft nicht bloß das ästhetische Vokabular zweier Innovator*innen der Moderne (Hans Scharoun / Louise Nevelson) aufeinander (um zu überprüfen an welchen Stellen sie sich gegeben- enfalls ergänzen bzw. aufheben), sondern umso mehr wird die Wohnrealität der Berliner Arbeiterklasse in eine räumliche Allegorie mit der Dimensionslosigkeit des amerikanischen Finanzwesens gesetzt, in diesem Fall der New Yorker Wall Street. Bedürfnissarchitektur trifft somit auf Kapitalmarktoppulenz und verzahnt sich als gemeinsam, poetologisches Ornament im Geflecht aus Raumdimension und sozio-ökonomischer Symbolpolitik.

Charles Osgood umschreibt dies in einem CBS-Beitrag wie folgt: “In the World Trade Center hangs one of her (Nevelson’s) big wall sculptures - Sky Gate, New York. It’s one of the many Nevelson’s adorning the walls of Wall Street, where it seems every little frieze seems to whisper Louise.”

Und Scharoun-Wohnung und Nevelson-Relief bilden einen gemeinsamen Erinnerungskomplex: nicht nur dass beide Arbeiten genau 50 Jahre voneinander trennen (der Bau des Scharaoun-Komplexes begann 1928, während Nevelsons Skulptur 1978 eingeweiht wurde), auch teilen beide das Schicksal, dass sie nahezu in Vergessenheit geraten sind: die Scharoun-Wohnung befand sich lange Zeit (ohne einen Hinweis auf Hans Scharoun) auf dem Wohnungsmarkt, während Louise Nevelsons epochale Wandarbeit in der Kunst- geschichtsschreibung nahezu unerwähnt bleibt. Über die Gründe dafür läßt sich bloß spekulieren – doch so scheinen beide Arbeiten – erst recht – füreinander bestimmt zu sein: Grundriss und Skulptur fließen in Tim Tetzners Arbeit ineinander und werden zu einem gemeinsamen Sky Gate. Ein Sky Gate, wie es auch Hans Scharoun in seiner Wohnung im Jungfernheideweg vorgesehen hat, und welches als Sichtachse von Nordosten nach Südwesten die Scharoun-Wohnung kontinuierlich transformiert.